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Pop-Up Erinnerungen

Manchmal macht es blob und eine Erinnerung aus lang vergangnen Tagen springt grundlos in mir auf. Oft kann ich nur staunen was da in meiner Vergangeheit bereit liegt um mich unerwartet an mich selbst zu erinnern. Alles ganz normal, alles ganz unaufgeregt. Diese kleinen Vergagenheitsinseln landen nun hier. Vielleicht müssen sie dann nicht mehr aufpoppen.

Jahrtausendwende - ein Feuerwerk

Veröffentlicht am 30. September 2020 von Pop-Up Erinnerungen

(Foto: Creative Commons CC-BY Oliver Hallmann)

(Foto: Creative Commons CC-BY Oliver Hallmann)

...

31. Dezember 1999

 

Besser hätte es nicht sein können. Die Welt war in Ordnung. Die ganze, also meine auch.

Obwohl Ende Dezember trüber Matsch regierte, ist mir die Szenerie ausgesprochen sonnig in Erinnerung.

Die Menschheit war neugierig erregt. Ungeachtet zahlreicher Untergangserwartungen, simmerte rund um den Globus freudige Erwartung auf das große Fest zum Jahrtausendwechsel.

Beim Blick aus dem Fenster auf den Hauptbahnhof hinunter wurde einem ganz wirr im Kopf. Die Klangkulisse stammte ohnehin nicht aus einem Erholungsgebiet, jener Tage aber wirkte sie besonders fiebrig. Lautes Quietschen und Klingeln, Tag und Nacht Klangsplitter einer nervösen Stadt am Rande der Zukunft. Die Geschäfte liefen glänzend. Alle hatten Tüten, alle Tüten waren voll. Grund genug der Zukunft guten Mutes entgegenzugehen.

 

Jetzt, war sie also da, die lang erwartete Zukunft. Als Türsteher diente das Jahr 2000! Handys waren im Alltag der Menschen angelandet, Rechner schon in zweiter Generation. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nach drei Jahren in der Stadt war alles prima gewachsen. Eine nicht mehr allzu heiße aber gut funktionierende Beziehung, reichlich Jobs, Freunde, ein kunterbunter Bekanntenkreis. Der Brüller aber war unsere sensationelle Stadtwohnung auf der 18. Etage. Große Räume locker möbliert, Panoramafenster, zwei großzügige Balkone und dann dieser unwahrscheinliche Ausblick. Tief unter uns der mächtige Bahnhof, die Innenstadt, das verkehrsreiche Leben, dahinter das Ende der Stadt, dann das Land – grün und braun... Über alldem der ausgestreckte Himmel - in Blau oder grau -  flüchtige Karos aus weißen Streifen einer fliegenden Menschheit.

Allerbeste Bedingungen ein Silvester Feuerwerk der Extraklasse zu erleben.

Um Mitternacht begann es enttäuschend harmlos mit wenige aufsteigenden Raketen.

Welle weit weg. Zuerst rollte sie nur zaghaft und leise, sammelte auf ihrem Weg zu uns aber beständig mehr und mehr flackernde Lichter. Blitze näherten sich unserer Loge mit spitzigem Zischen. Unheimlicher Donner schwoll auf uns zu. Drohend, lauter und lauter. Es krachte und knallte und schließlich schlug ein ganzes Meer aus übelriechendem Rauch auf uns ein. Mit tränenden Augen und brennenden Lungen trieb uns zunächst vom Balkon zurück in den Raum.

 

Wir waren entsetzt. Hatten wir trotz erstklassiger Voraussetzungen doch den falschen Ort für das pyrotechnische Spektakel gewählt? Sollten uns fettige Schwaden aus giftigem Qualm das Vergnügen vernebeln?

Dann aber lösten sich einzelne Lichter aus der grauen Wand.

Zuerst war es nur ein einsames Büschel Farben, das blieb aber, zur Freude aller, nicht lange allein. Eine nächtliche Böe zerriss den Qualm und befreite uns die Sicht.

Als trete das Göttliche selber hervor. Gekrönt mit funkelnden Splittern explodierter Juwelen, erhob es sein Haupt in den Himmel.

Eingewoben in ein Festkleid dessen Saum im Vorbeigehen gegen unsere Brüstung spritzte.

 

Ich sah blitzende Edelsteine, deren glitzernde Existenz nur diesem einen Augenblick diente. Hingestreut als gleißender Schmuck der Sekunde, brennende Tropfen vergehender Gischt.

Es war ein Schauspiel zwischen Verglühen und Blühen, es war tanzende Asche, die sich unablässig verjüngt. Eine krachende Hymne, eine scheppernde Ode an Äonen, gesungen von Augenblicken.

Das alles musste geheimen Dimensionen verborgener Welten entstiegen sein, um sich dieses eine Mal einer brodelnden Menschheit, mir, entgegenzuneigen. 

 

Eine Botschaft tätowierte sich dort oben auf einem Balkon der 18. Etage tief in mein Denken hinein und nichts was es seither hätte ausradieren können: Ewig ist das Spiel des Vergänglichen.

 

 

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