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Pop-Up Erinnerungen

Manchmal macht es blob und eine Erinnerung aus lang vergangnen Tagen springt grundlos in mir auf. Oft kann ich nur staunen was da in meiner Vergangeheit bereit liegt um mich unerwartet an mich selbst zu erinnern. Alles ganz normal, alles ganz unaufgeregt. Diese kleinen Vergagenheitsinseln landen nun hier. Vielleicht müssen sie dann nicht mehr aufpoppen.

Mein Pilgerweg zum Minimalismus

Veröffentlicht am 25. Juni 2020 von Pop-Up Erinnerungen

Mein Pilgerweg zum Minimalismus

Irgendwann mündete mein Leben in eine Zeit der Niedergelassenheit. Eine gute Beziehung, gute Jobs, Wohnung mit Aussicht. Alltag zog ein. Nächtelange Gespräche über Gott und die Welt wurden weniger, die Obstkisten neben der Matratze auf dem Boden ungenügend. Allmählich hatten sich unsere Ideen geändert. Planten wir zu Beginn unserer Beziehung einem Tag am Meer oder wilde Nächte in angesagten Clubs, blätterten wir nun in Katalogen und überlegten welches Bett wohl das richtige sei.

Wir erschufen einen Haushalt. Nach und nach zogen immer mehr Möbel bei uns ein. Etwas Gemütliches hier, etwas Praktisches da. Nach den Möbeln widmeten wir uns der technischen Ausstattung. Ein zweites TV-Gerät wurde angeschafft, neben dem Spielen mit der Konsole wollten wir nicht auf das Fernsehprogramm verzichten, dann noch eines für die Küche. Boxensysteme, Radio in Bad und WC. Zwischendurch einen Rechner, Bildschirm, Drucker…, man ging mit der Zeit. Immer mehr Regale waren gefüllt mit immer mehr Büchern, CDs, Videos. Zwar spielte ich nicht mehr oft auf meiner Mundharmonika, aber aus der einen waren 20, 30 Stück geworden, ein spezielles Schränkchen war geplant. So ging es mit allen Dingen. Höher, besser, weiter. Mehr und mehr. Gegen Langeweile, Stress oder Alltagstrott hatten wir unser Zaubermittel gefunden: Einkaufen. „Es geht uns gut.“

So vergingen die Jahre. Irgendwann fing alles von vorne an. Möbel wurden durch modernere ersetzt, Videobänder durch DVDs...

 

Dann begegnete mir der Jakobsweg.

Zuerst im Internet dann im Wald vor meiner Haustüre. Etwas war angezündet in mir. Zwar hatte ich nicht vor den langen weiten Weg zu gehen, die Idee des Pilgerns aber ließ mich nicht mehr los.

 

Dann war es so weit.

Ich wollte aufbrechen und die ersten hundert Kilometer des Jakobsweges erobern, übers Wochenende. Wie ich es gewohnt war, begann jede Aktivität auch in diesem Falle mit Einkaufen. Wanderschuhe, Rucksack, Zelt, Kochgeschirr. Funktionskleidung für jede Wetterlage, dies und das für alle Eventualitäten bestens gerüstet. Alles was sich der Pilger zurechtkaufen kann und obendrauf ein gutes Buch zur Bereicherung am Abend.

Ich war sehr zufrieden mit meiner Vorbereitung. Den mächtigen Rucksack hatte ich perfekt befüllt, keine klitzekleine Lücke war geblieben. So brach ich auf, „Ultreia“ rief ich zum Abschied, „Vorwärts“, wer weiß wann wir uns wiedersehen?

 

Am Abend des ersten Tages schon war es vorbei.

Schultern und Rücken hatten sich unter der Last der Riemen und Bänder grün und blau verfärbt, mein rechtes Knie war heiß und pochte fester als das Herz eines jungen Bullen. Meine geschwollenen Füße waren zu Klumpen geworden. Blutige, gequetschte Klumpen. Pilgerträume zerstört. Aus schon am ersten Abend. Ich schleppte mich zu einer Unterkunft, ließ den Rucksack von mir gleiten und sank unter Ächzen und Stöhnen auf das Bett. Eine verzweifelte, eine schmerzhafte Nacht. Mit dem Bus und und trübsten Gedanken kehrte ich am anderen Morgen, frag nicht wie, nach Hause zurück. Der Arzt verschrieb mir Pillen und Salben. Für zukünftige Abenteuer, so ich sie nicht lassen könne, empfahl er dringend eine Kniebandage und Schmerztabletten für den Notfall.

 

Ho Ho, man höre und staune

überrascht, welche Erkenntnis! Unnötige Dinge, kiloweise. Nutzlosen Sperrmüll, auf dem Rücken durchs Gelände geschleppt. Freiwillig, auf dem Rücken, einfach nur so. Gewicht, das zu nichts anderem taugt als das Unternehmen zu Fall zu bringen. Wie dumm kannst du sein, Pilger?

 

Diese Niederlage war mir hochnotpeinlich. Trotzdem, gegen jede Vermutung, ich hielt am Pilgern fest. Nach meiner Genesung startete ich dem Jakobsweg noch einmal von vorn, an meiner Bettkante.

 

Ohne Gepäck und Ehrgeiz

machte einen zweiten Anlauf. Erst nur kurze Strecken. Ein paar Kilometer am Nachmittag, ein paar Schritte mehr am Wochenende. Nach und nach wurden meine Wege länger. Irgendwann packte ich wieder einen leichten, verträglichen Rucksack.

 

Langsam pilgern mit wenig Gepäck war meine Devise. Unmerklich für mich selbst, wandelte ich mich zum minimalistischen Pilger. Meine Zeit verging zwischen Wiesen und Feldern, verflog beim Durchstreiften der Wälder. Gut Freund mit dem Wetter kam mir jedes Gelegen.

 

War ich zu Hause aber,

eingezwängt zwischen Möbeln und Geräten, träumte ich mich hinaus. Ich wollte leere, weiße Wände, Vogelstimmen nicht Nachrichtensmog. Ich hatte mein altes Leben klammheimlich verlassen. Die vielen bunten Sachen um mich herum wurden zur Last, so wie zuvor der Rucksack. Auf meine halb scherzhaft, halb ernst gestellte Frage, ob wir nicht den ganzen Krempel aus dem Fenster werfen könnten, erntete ich blankes Entsetzen. Die Vorstellung eines Lebens ohne TV, ohne Popcornmaschine oder ohne passende Outfits für jede Gelegenheit, undenkbar für den modernen Menschen.

Für mich aber war es zu spät. Meine Seele war an diese köstliche, unbeschwerte Freiheit verloren. Die Attribute des „guten“ Lebens, waren mir nur noch Kram. Plunder, der mir die Luft zum Atmen nahm, Ballast, der mir den Raum zu leben stahl.

 

Siehe, es ist alles neu geworden.

So ging diese Beziehung nach 12 langen, schönen Jahren kinderlos zu Ende. Alle Gemeinsamkeiten..., was war das noch? Das gemeinsame Leben war für uns beide zum Käfig geworden. Als die Lage ausgesprochen war, zwang mich der Gang der Dinge unvermittelt in die Freiheit. Ich schnappte mein Pilgergepäck, dazu etwas Wäsche und zwei weiße Hemden, verließ die gemeinsame Wohnung und kam nicht wieder. Für eine Weile schlüpfte ich bei Verwandten unter, verbrachte dann erstmals einige Wochen auf den Jakobsweg, beim Pilgern konnte ich mich neu sortieren. Als es so weit war, kehrte ich zurück in die Stadt. Ich nahm eine Wohnung und zog mit meinem Bündel ein. Immer am Mann, mein Pilgerstab, seither mein fester Begleiter.

Zum Ersten waren Schlafsack und Isomatte genug. Der Rucksack diente als Kleiderschrank, Kissen und Sitzgelegenheit. Etwas später schaffte ich ein Futon an, des bequemeren Schlafes wegen. Während der drei Jahre in dieser, wie für mich gemachten Wohnung, hatte ich neuerdings eine erfreulich niedrige Stromrechnung, lediglich die Zählermiete. Elektrischen Strom nutzte ich nicht. „Es ist hell, wenn es hell ist“, und so gewöhnten sich meine Freunde an, bei abendlichen Besuchen ein Kissen und eine Kerze bei sich zu haben.

So war ich, ganz ohne Plan, ganz von alleine, Minimalist geworden und Pilger noch dazu.

 

 

Inzwischen

bin ich nachsichtiger mit mir. Meine Nächte verbringe ich in einem Bett, wenn es dunkel wird, schalte ich das Licht ein, sogar Klappern aus einer Küche ist zu hören. Heute tragen die Freunde keine Kissen mehr bei sich, sie brauchen Stühle, denn ich habe einen Tisch.

 

P.S.

In Santiago de Compostela, dem Ziel des Jakobsweges, kam ich 10 Jahre später mit dem Fahrrad an. Als kurzzeitige Minimalismuserweiterung, gestaltete ich diese Pilgerreise weitgehend geldfrei.

 

Minimalismus hindert nicht an großen Plänen

Pilgern bedeutet Minimalismus entdecken.

 

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