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Pop-Up Erinnerungen

Manchmal macht es blob und eine Erinnerung aus lang vergangnen Tagen springt grundlos in mir auf. Oft kann ich nur staunen was da in meiner Vergangeheit bereit liegt um mich unerwartet an mich selbst zu erinnern. Alles ganz normal, alles ganz unaufgeregt. Diese kleinen Vergagenheitsinseln landen nun hier. Vielleicht müssen sie dann nicht mehr aufpoppen.

Missverständnis - der Urlaubsklassiker

Veröffentlicht am 16. Mai 2020 von Pop-Up Erinnerungen

Missverständnis - der Urlaubsklassiker

Wir waren in Italien in Urlaub am Meer und wollten, wie es so üblich ist, einen krönenden Abend im besten Lokal verbringen.

Gleich in der Nähe des Hotels gab es ein Fischrestaurant mit einem ganz wunderbaren großen Garten. Weiche Musik, elegante Tische, hübsche Leute, perfekt. Feingemacht wurden wir auch herzlich empfangen und bekamen einen guten Tisch mit nettem Kellner.

 

Ja aus Deutschland, sein Fetter dritten Grades lebe in Deutschland und wenn wir ihn einmal treffen, natürlich dann bestellen wir schöne Grüße.

Einfach herrlich! Eine große Karaffe voll Wein, Wasser und für den Anfang ein Brotkorb standen recht flott auf dem Tisch.

Dann kam der Chef, der Patron, der Künstler der Küche. In einer Mischung aus englisch, italienisch und guckstdu erhielten wir eine ausführliche Beratung zur Speisenfolge. Ja und ja und hm und so kam es, dass wir uns für das große Menü entschieden. Ein Kilogramm Fisch in 10 verschiedenen Arten oder das Hummermenü standen zur Auswahl. Hummer wollten wir nicht, zu feudal also entschieden wir uns für Möglichkeit zwei. „Menü Crudo“, fragte er, „Ja das“, nickten wir. Den Sprachbegabten unter den Lesern ist nun sicherlich klar, wo hier der Fisch im Pfeffer lag. Uns jedoch war nichts aufgefallen. Wir prosteten uns zu, naschten am Brot und streckten uns behaglich in Vorfreude auf das Essen.

 

10 verschiedene Fruti de mare. Von der Austern bis zur Krabbe, Persico, Orata, Triglie. Was das Meer zu bieten hat.

Bei den Austern zum Menüeingag war der Genuss noch ungetrübt. Dann aber! Gehäckselter, geschabter, gestückelter roher Fisch. Angerichtet in Häufchen zu je hundert Gramm auf Marmorplatten. Jedes Häufchen hübsch verziert mit rohem Gemüse, anderem rohen Fisch oder irgendetwas, auch roh. Eine ganz besondere Augenweide war ein kleines kaum totes Tintenfischlein, welches mit gespreizten Armen oben auf einem der blassen Häufchen thronte. Ich meine immer noch er hätte mich angesehen. Der Höhepunkt und Schluss von Menü Crudo, eine Krabbenplatte. Wie sagte es doch mein Begleiter: “Wenn er die jetzt auch noch roh bringt, haue ich ihm eine rein.“ Er tat es nicht, die Krabben kamen aber dennoch roh. In verschiedenen Größen lagen sie hübsch aufgeschlitzt im Kreis. Ihr schwarzer Rogen und andere Innereien waren mit viel Sorgfalt kunstvoll zwischen die zerschnittenen Leiber drapiert. Einfach Lecker. „Wir kochen nicht, wir richten an.“

 

Ich hatte allerlei Mühe dem bestürzten Kellner klar zu machen, warum ich zweidrittel des edlen Menüs unberührt hab abräumen lassen. Schließlich wollte ich ja nicht den Maestro in der Küche kränken, nur weil ich die regionale Anrichtekunst nicht verstehe. Haben sie schon das Kopfschütteln eines italienischen Kochs gesehen, der sich über schrecklich dumme Touristen wundert? Sehenswert, wirklich!

 

Auch wenn es ein wenig aufwändig scheint, als Lerntechnik für Vokabeln war dieser Abend unschlagbar. Mit Streueffekt.

Mein Leben lang, so es nicht mit einer Demenz zu Ende geht, vergesse ich es nicht: crudo = roh

 

Zu jener Zeit pflegte ich gerne mit allerlei Fremdsprachen zu glänzen. Nur italienisch war nicht dabei. Obwohl natürlich krude ein deutsches Wort ist und man es wirklich hätte wissen können. Man kann sich vorstellen, am Abend in fröhlicher Runde, wenn wieder einmal die alte Geschichte serviert wird sind die lautesten Lacher bei mir, dem „Fremdsprachenkünstler“ wie sie dann sagen. Das mit dem glänzen hab ich mir seither abgewöhnt.

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