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Pop-Up Erinnerungen

Manchmal macht es blob und eine Erinnerung aus lang vergangnen Tagen springt grundlos in mir auf. Oft kann ich nur staunen was da in meiner Vergangeheit bereit liegt um mich unerwartet an mich selbst zu erinnern. Alles ganz normal, alles ganz unaufgeregt. Diese kleinen Vergagenheitsinseln landen nun hier. Vielleicht müssen sie dann nicht mehr aufpoppen.

Haustier zwei und drei - Gertrud und Agathe

Veröffentlicht am 12. Mai 2020 von Pop-Up Erinnerungen

Foto: CC by pinkangelbab

Foto: CC by pinkangelbab

Die Anschaffung

Es war ein Sonntagnachmittag.

Viel Licht gab es nicht und sicherlich hatten wir auch schon etwas gegessen. Nicht gerade sonntäglich. Die Langeweile trieb uns einen Ausflug zu unternehmen.

Mein Begleiter hatte sich gerade einen dicken Wagen angeschafft und so gestaltete sich unsere Landpartie als fettes Auftauchen in Landgasthöfen, Raststätten und an Aussichtspunkten mit viel Grün und Fluss und Wäldern. Über allem ein grauer, fettiger Himmel.

Schon auf dem Nachhauseweg erhellte plötzlich eine sonnige Idee die trübe Szeneri.  Eine Ente. Ich wollte eine Ente.

Ich kann nicht mehr sagen wie mir diese Sache in den Kopf geraten war doch der Entschluss stand fest, eine Ente.

Ich stellte mir vor wie schön es wäre. Zahme, treue, gute Ente. Eine Ente, die mir hinterherliefe, mich mit ihrem schnattern zum Lachen brächte und mit mir im See schwimmen könnte. So träumte ich dahin - quak, quak. - und dachte mir den Himmel etwas gelber.

 

Irgendwo tief in der Region, versunken in watteweiche Entenbilder, begegnete uns ein Schild mit Pfeil: „Geflügelfarm“

Was blieb uns übrig? War nicht mit diesem Wunsch im Herzen ein solches Blechschild wie ein Zeichen? Ein Wink des Schicksals? Fügung?

Wir fuhren also auf den Hof. Inzwischen war der Nachmittag vergangen, die graue Sonne fast verschwunden. Aus einem Nebengebäude trat eine freundliche, bekopftuchte Frau in Kittelschürze hervor und wunderte sich kaum über unseren Wunsch eine Ente kaufen zu wollen. Eine lebendige, junge Ente, nicht um sie zu verspeisen, sondern um sie liebzuhaben. „Also wenn sie eine Ente halten wollen, müssen es zwei sein“, bestimmte sie und führte uns in eine große warme Halle. Alles Ente. Hunderte, ach tausende junger Enten drängten sich unter einer Reihe von Wärmelampen, alles quakte, dabei so süß!

Die Bäuerin verlor keine Zeit. Ganz vogelhaft trieb sie die Tiere sanft in Richtung einer Hallenecke. Als sie ihnen ganz nahe war, packte sie zu und hielt in jeder Hand eine Ente am Kragen. Die zappelnde Beute in die Höhe gestreckt erklärte sie fachkundig: Diese beiden sind die rechten.

Es waren Gudrun und Agathe.

 

Das gemeinsame Leben

 

Oh wie fröhlich war doch der erste Abend mit Gertrud und Agathe. Den Sessel hatte ich beiseite gerückt und die Obstkisten, die mir als Ablage dienten wurden an die Wand gestellt. Mittens, auf den Sisalteppich breitete ich Bettwäsche und darauf die große lila Plastikwanne. Gut gefüllt. Wer hat schon einen WohnzimmerEntenTeich?

Die munteren Vögelchen. Es dauerte gar nicht lange und die beiden gewöhnten sich an die neue Situation und paddelten und tauchen was das Zeug hielt. Eine wahre Pracht. Ach Gudrun, ach Agathe. Wie es spritzte, wie es schwappte! Wie neugierig sie im Zimmer herum watschelten und wie freundlich sie uns in die Zehen zwickten.

Am nächsten Morgen musste dringend eine Lösung her.

 

Eines ist ganz klar. Bei aller Träumerei und romantisierender Betrachtung vom Leben mit einer Ente, es dringen doch nur nette und kuschelige, quitschgelbe Aspekte ins Bewusstsein. Eine fahrlässige Auslassung von Fakten. Die überraschende Einsicht, Enten sind Lebewesen und sie stoffwechseln. Viel. Enten stoffwechseln sehr viel. Überall und weich natürlich.

Ich gebe es ungern zu ,aber ein Wohnzimmerententeich ist sozusagen aus sich selbst heraus eine äußerst problematische Angelegenheit und aus heutiger Sicht rate ich von einer Anschaffung unbedingt ab.

 

Nun lebte ich zu jener Zeit in einem Haus. Ein altes Backsteinhaus im Industriegebiet, seine besten Zeiten lange vergessen aber, und das war für aktuellen Sachverhalt sehr vorteilhaft, ein kleines Stückchen Rasen, einstmals Parkplatz, mit einer Teppichstange, einem Baumstumpf und einem verwaisten Verschlag, ideal als zukünftige Behausung für Gertrud und Agathe.

Die liebe Nachbaroma schimpfte erst fürchterlich, doch übernahm dann reibungslos die Pflege unserer neuen Freunde. So gut die Oma. Das Entenpärchen hatte Glück mit ihr.

 

Der Abschied

 

Es war ein wunderbarer Sommer, dann kam der Herbst und mit ihm eine neue Zeit.

Mein Leben am Stadtrand war zu ende, jetzt ging es in die Stadt – mit Altbau, Stuck und Flügeltüren doch, und das stand fest, ohne Gertrud und Agathe.

Was tun? Dem Großmütterchen alleine konnten wir sie nicht überlassen, zu viel für eine alte Frau so ganz alleine. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir sie gar nicht erst gefragt. Sehr schnell war klar, es würde eine eher bäuerliche Versorgung werden.

 

Man möge sich an die eingängliche Schilderung meiner damaligen Wohnsituation und der darin enthaltenen Inventarliste des Höfchens erinnern. Wesentlich für den Fortgang hier, der Baumstumpf.

Für jenen Tag hatten wir ein paar Freunde um Hilfe bei der Durchführung des Umzugs und auch, was mir besonders wichtig war, der Verrichtung der bäuerlichen Aufgaben gebeten. Als die Wohnung fast leer geräumt war, nur noch in der Küche stand ein großer Topf mit heißem Wasser auf dem Herd, machten sich unsere Freunde dann im Hof zu schaffen.

Es war klar, was jetzt geschah. Ich rührte ein wenig im Wasser und hoffte auf schnelle Nachricht. Als diese nicht kam, ging ich ans Fenster und schaute  auf das grün hinunter. Auf den Baumstumpf, auf das Gatter.

Mit gestecktem Hals schaute Gudrun aus dem Gatter nach Agathe, die lag auf dem Baumstumpf hingestreckt und festgehalten.

 

Verdammt. Diese grauenhafte Bild ist mir geblieben. In die Großhirnrinde tätowiert und ist bis heute kein bisschen blass geworden. Schrecklich! Ach hätt´ ich sie doch in einem Flüsschen schwimmen lassen!

 

Ein Festmahl gab es trotzdem, das Erste in der neuen Wohnung. Alles in  Würde und angemessener Raubtier-Hochkultur. Die Umzugshelfer waren eingeladen und die brave Oma selbstverständlich auch. Die schimpfte auch diesmal wieder fürchterlich, ließ sich den Entenbraten aus dem Bratschlauch dann aber freilich nicht entgehen. Ach Gudrun, ach Agathe!

 

Sie schmeckten gut die beiden, waren aber ziemlich mager. Die Bäuerin hatte recht gehabt, es mussten zwei sein.

 

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