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Pop-Up Erinnerungen

Manchmal macht es blob und eine Erinnerung aus lang vergangnen Tagen springt grundlos in mir auf. Oft kann ich nur staunen was da in meiner Vergangeheit bereit liegt um mich unerwartet an mich selbst zu erinnern. Alles ganz normal, alles ganz unaufgeregt. Diese kleinen Vergagenheitsinseln landen nun hier. Vielleicht müssen sie dann nicht mehr aufpoppen.

Hauruck Erlösung - eine Pilgerreise

Veröffentlicht am 14. Mai 2020 von Pop-Up Erinnerungen, René Petsch

Hauruck Erlösung - eine Pilgerreise

Es war in einem „heiligen Jahr“. Ein heiliges Jahr in katholischem Sinne. In einem solchen Jahr, das sich nur alle 25 Jahre wiederholt, öffnet der Papst eine Pforte im Vatikan und jedem, wirklich jedem, dem es gelingt sie zu durchschreiten, wird alles, wirklich ALLES was er bis dato an Schuld und Sünde auf sich geladen hat vergeben. Großzügig und kostenlos aus dem unendlichen Gnadenschatz der Kirche. Alle 25 Jahre, ein Jahr lang und wer´s nicht schafft, der muss halt Vaterunser beten und Rosenkränze und beichten muss er auch, so oft es geht. Am Ende aber wird ihm, Gerechtigkeit muss sein, ein bisschen Fegefeuer nicht erspart.

 

Da musst´ ich hin da wollt ich durch. Was für ein Symbol, was für eine Gelegenheit! Auch ohne Mord und Totschlag, man kann leicht erraten was nach einigen Jahrzehnten des Bemühens so alles hängen blieb an mir. Zu Tode geschüttelte Maikäfer, tyrannisierte Mitschüler, missgönnte Brotzeiten, verlassene … Oje, Rock ´n´ Roll Operette.

 

Es war das letzte Jahr in dem noch Nachtzüge nach Rom verkehrten. Zu unser großem Glück, wie aus der Zeit gefallen, sogar mit Schlaf- und Liegewagen nebst solchem Schaffner mit Bierverkauf.

Ich bin wirklich glücklich noch einmal diese malerische Art der Reise erlebt zu haben. Danke Joe! Allein der nächtliche Bahnsteig in München!

Der kühle Luftzug, die gelben Lichter, das Quietschen weit drüben und durch und durch der feine Hauch von Pufferschmiere. Dann kommen die Leute, der Zug, das Gewimmel und ach ist es herrlich, eine Reise mit dem Zug. Mit dem Nachtzug nach Rom noch dazu,

 

Aufgeregt und ausgeschlafen fuhren wir am Morgen, mit weit offenen Augen in Rom ein und hinein in einen Streik des öffentlichen Nahverkehrs.

 

Keine U-Bahn, keine Busse, keine S-Bahn, Rom Hauptbahnhof 10:20h, keine Chance.

 

Für uns touristische Pilger aber war die ganze Sache viel mehr ein wunderbares Eintauchen als ein Problem. Zwar wurden beim vielen auf und ab Gelaufe die Koffer schwer und auch die Hitze drückte kräftig auf die Köpfe doch bunter und lebendiger kann das Willkommen an einem Ort in seinem wirren Alltag nirgends sein.

Ein beliebiges, billiges Touristenhotel im Hinterhof kam uns gerade recht gelegen. Statt im Gedrängel nach dem Vatikan zu suchen, feierten wir bei Wasser, Wein und knusprigen Nudeln eine geglückte Ankunft im sommerlichen, streik-geplagten Rom.

 

Nun, im Umgang mit „heiligen Pforten“ war ich bis dato nicht sonderlich geschult. Ich war der Meinung, man müsse sich erst anmelden oder auch registrieren und würde dann, mit vielen anderen en bloc zu einer festgesetzten Zeit hindurchgeschoben. Daher dachten wir so für den Nachmittag, nach reiflicher Siesta, mal dort vorbeizuschauen und wo möglich, das nötigste sofort zu regeln.

 

Als der Streik beendet war, der Portier hatte es uns verraten, machten wir uns also auf den Weg. Frisch rasiert und mit gestärkten weißen Hemden, es ging ja immerhin zum Vatikan. Wir fanden sofort die richtige Metro. Die war nur schwach besetzt und somit alles sehr bequem. Ganz anders als am Vormittag.

 

Der Weg war wie ein Kinderspiel, zwei rechts dann links und immer grade aus. Nicht zu verfehlen, bis zum Gatter, an dem die Schweizergarde alle Besucher einer strengen Prüfung unterzieht. Sicherheit zuerst! „Zur Heiligen Pforte, sagte ich mehrmals in der Erwartung nun endlich zu meiner Liste zu kommen um, mich ernsthaft einzutragen.

Als unverdächtig eingestuft. zeigten die Wächter auf ein Gittergässchen das im Zickzack Kurs quer über den Petersplatz in Richtung auf ein kleines Türchen zulief. Ah, das Büro.

 

Der Streik hatte alle verprellt. Das regnerische Wetter mit dicken zerrissenen Wolken tat sein übriges, es waren nur wenige Leute da. Rechts links, kreuz und quer am Gatter entlang und schon kamen wir zu einer Treppe. Oben zwei Blackman mit dicken Sonnenbrillen, die in die Ferne schauten, die Tür zwischen ihnen aber nicht aus den Augen ließen. Die Treppe hoch, „kein Foto machen!“, „Nicht stehen bleiben!“, „Weiter bitte!“, und Blitz und schieb und rein und durch.

 

Alles Gold was glänzt. Alles Pracht was hängt. Alles Halleluja, Halleluja! (Engelschöre)

 

Wie sich herausstellte, war meine Vermutung einer Liste doch bürokratischer als der Papst selbst und die bedingungslose Vergebung Aller Sünden für Lau ist ein ganz informeller Akt. Hin und durch heißt die Devise. Die Absolution wird automatisiert erteilt und bedarf keiner Unterschrift und keiner Listen. Die Tür war mehr als eine Tür nur, die heilige Pforte war durchschritten.

 

Die Empfehlung von daheim kam prompt, natürlich: “Geht lieber nochmal durch!“

 

 

Frisch gebenedeit und reingewaschen hatten wir so völlig unerwartet am Abend alle Programmpunkte der nächsten beiden Tage abgehackt. Es ging besser als am Schnürchen. Meer wir kommen, die Pilgerpflichten sind erfüllt, jetzt kommt der Badespaß!

Es könnte alles so einfach sein wäre man nur katholisch. Das bin ich nicht, fühlte mich aber dennoch wundersam befreit von alter Schuld, zumindest eine kleine Weile.

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